#1 Eine Reise zu einem merkwürdigen Planetarischen Nebel von MartinMiller 18.08.2017 01:27

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Im Sternbild Schwan gibt es eine Reihe von Emissionsnebeln, die im roten Licht der Wasserstoff-Alpha (Ha) -Linie leuchten. Die meisten sind im Sharpless Katalog der HII-Regionen aufgeführt, der insgesamt 312 Einträge hat. Am bekanntesten ist der Nordamerikanebel NGC7000 mit der Sharplessnummer S117. Westlich davon leuchtet im Abstand von ca. 3 Grad der hellste Stern im Schwan, der Deneb. Nordwestlich von ihm findet man die schwächere HII-Region S115, die wiederum in einem viel größeren aber sehr schwachen Nebelkomplex mit einem Durchmesser von über 3° eingebettet ist. Die Übersichtsaufnahme zeigt dieses Gebiet: links unten ist der Nordamerikanebel mit dem Pelikannebel, rechst davon Deneb, knapp unterhalb der Bildmitte die kleine HII-Regin S112 und oberhalb davon der Nebel S117, der eine rundlich Form hat mit einem schwächeren länglichen Mittelteil. Schon auf dem Übersichtsbild ist nordwestlich ein kleiner runder Nebelfleck zu erkennen, zu dem uns nun die Reise führen soll.


Die Aufnahme mit einem 135mm Takumar-Objektiv zeigt weitere Details. Das ganze Nebelgebiet ist von Zirrus-ähnlichen Schwaden durchzogen. Rechts im Bild fällt ein dünnes Filament in Form eines Bumerangs auf. Unser Reiseziel zeigt sich jetzt deutlich als kleines rundes Gebilde.


In einem 10“ Newton mit 1000mm Brennweite sehen wir jetzt eine Art Spiralstruktur. Wäre es keine Aufnahme mit einem Ha-Filter, könnte man das Objekt für eine Galaxie halten. Die hohe Symmetrie ist auch ungewöhnlich für eine typische HII-Region. Aus diesem Grund wurde das Objekt als Planetarischer Nebel klassifiziert und bekam im Abell-Katalog der Planetarischen Nebel die Nummer 71. Allerdings war die Klassifizierung umstritten. Da keine OIII-Emission zu sehen war, vermuteten einige Fachastronomen, dass es doch eine HII-Region sei.



Im „Beobachter-Atlas für Kurzentschlossene“, den wir auch auf dem Hohen List haben und in einer Quelle im Internet ist folgendes vermerkt:

Dafür dass Abell 71 tatsächlich ein planetarischer Nebel ist, sprechen
insbesondere spektroskopische Untersuchungen wie die von Pereyra et al.,
2013, die eine (für PN typische) Expansionsgeschwindigkeit nachgewiesen
haben. Abell 71 ist wahrscheinlich ein recht alter Planetarischer Nebel, was
auch die Abnahme von O III erklären würde, das Material ist mittlerweile
einfach zu kühl und der Zentralstern regt keine O III-Emission mehr an.




Ich habe deshalb weitere Aufnahmen des PN gemacht, diesmal mit meinem 16“Maksutov mit Reducer bei f_eff =3200mm und einem Öffnungsverhältnis von 1:8. Einmal mit Ha-Filter und dann mit OIII Filter. Tatsächlich konnte ich keine OIII-Emission erkennen. In Ha zeigt sich der PN deutlich mit Spiralstruktur. Aus beiden Aufnahmen habe ich dann noch eine RGB-Farbbild zusammmengesetzt mit R=Ha, G=OIII und B=OIII. Abell 71 hat einen Durchmesser von ca. 2.5 Bogenminuten.



Hier noch die Aufnahmedaten der einzelnen Bilder:

Als Kamera wurde meine Infinity-Mono benutzt. Die AVV verfügt auch über eine Infinity-Kamera, allerdings die Farbversion.

Bild 1: 55mm Takumar 1:1.8 bei Blende 4, Baader 7nm Ha-Filter, 91 Minuten belichtet
Bild 2: 135mm Takumar, 1:2.5, volle Öffnung, Baader 7nm Ha-Filter, 62 Minuten belichtet
Bild 3: 10“ Skywatcher Newton, 1000mm Brennweite, f:4 mit Koma-Korrektor, Baader 7nm Ha-Filter, 13 Minuten belichtet
Bild 4: 16" Maksutov, f=3200mm, 1:8, Baader 7nm OIII-Filter, 9 Minuten belichtet
Bild 5: 16" Maksutov, f=3200mm, 1;8, Baader 7nm Ha-Filter( 18 Min.) + Baader OIII-Filter (9 Min.) Komposit aus Ha und OIII als Farbbild

MartinMiller

#2 RE: Eine Reise zu einem merkwürdigen Planetarischen Nebel von MartinMiller 18.08.2017 13:17

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Nach Literatursuche in dem Astrophysics Data System (ADS) fand ich die Veröffentlichung von Pereyra in der wissenschaftlichen Zeitschrift Astrophysical Journal (APJ)
2013 ApJ...771..114P
07/2013
Pereyra, Margarita; Richer, Michael G.; López, José Alberto
The Deceleration of Nebular Shells in Evolved Planetary Nebulae
Er und Kollegen hatten 100 Planetarische Nebel untersucht. Darunter auch Abell 71. Dort fanden sie Expansionsgeschwindigkeiten in H-Alpha von 18 km/sec und bei NII von 22 km/sec. OIII konnte nicht nachgewiesen werden.

MartinMiller

#3 RE: Eine Reise zu einem merkwürdigen Planetarischen Nebel von MartinMiller 21.08.2017 11:44

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Am 19. und 20. August konnte ich nochmals lange Belichtungsreihen von Abell 71 machen. Wieder mit der Infinity-Kamera, mit jeweils 1 Minute langen Einzelbelichtungen. Insgesamt kamen 73 Minuten mit H-Alpha Filter und 30 Minuten mit OIII Filter zusammen. Das 3. Bild ist wieder ein Farbkomposit aus den H-Alpha- und OIII-Bildern.
MartinMiller

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